BRIC ist chic

Brasilien und Russland gehören zu den rohstoffreichsten Länder der Welt, Indien und China sind wichtige Triebfedern der Weltwirtschaft. Deshalb: BRIC ist chic. Und ist trotz der kürzlichen Kursrückgänge profitabel für langfristig denkende Anleger.

B und R und I und C. Vier Buchstaben, breit verteilt übers Alphabet. Und alles in allem 24 Möglichkeiten, sie zu kombinieren. Bei jenen vier Buchstaben in dieser Abfolge bekommen Investoren rund um den Globus leuchtende Augen.

BRIC steht für die schwergewichtigen Schwellenländer, nämlich für Brasilien, Russland, Indien und China. Jene Länder also, die vor ein paar Jahren mit der wirtschaftlichen Aufholjagd begonnen haben und immer mehr Tempo machen auf ihrem Weg von den Emerging zu den Earning Markets.

Jim Rogers ist eine Legende in der amerikanischen Finanzszene. Er hob seinerzeit gemeinsam mit seinem Partner George Soros den Quantum-Hedgefonds aus der Traufe und bereiste auf seinem Motorrad in den 90er Jahren monatelang die Länder Asiens, um aus seinen Eindrücken neue Investmentideen zu entwickeln. Rogers war im Jahr 1998 einer der Ersten, die einen neuen Rohstoff-Zyklus mit steigenden Preisen etwa für Öl, Gas und so genannte Basismetalle vorhersagten. Und erst kürzlich für ein weiteres Jahrzehnt steigende Preise vorhersagte. Der Altmeister hatte Recht. Anleger, die ihm folgten, konnten seither ihr Vermögen vervielfachen. Kein Zweifel, Rogers wusste schon früh, welches Potenzial in den BRIC-Ländern steckt, ohne dass es diese mittlerweile bekannte Abkürzung damals schon gab. Jene vier Länder sind Triebfedern der Weltwirtschaft. Die einen, nämlich China und Indien als bevölkerungsreichste Länder, brauchen bei ihrer industriellen und wirtschaftlichen Aufholjagd praktisch alles, was der Erdboden hergibt. Die anderen, Brasilien und Russland, haben dies beinahe in Hülle und Fülle. Und weil die Weltwirtschaft miteinander verflochten und verwoben ist, die Unternehmen der etablierten Industrienationen schon frühzeitig expandiert und ihre Geschäftsfelder regional ausgeweitet haben, profitieren zwangsläufig auch die Volkswirtschaften der USA, Japan und jene in Europa. Demnach eine unendliche Geschichte? Nicht ganz, aber eine Story mit beträchtlicher Halbwertszeit. Auch wenn die BRIC-Börsen in den beiden Jahren von März 2004 bis März 2006 zwischen gut 40 Prozent (HSCEI-Index China) und fast 140 Prozent (Bovesta-Index Brasilien) zugelegt haben. Langfristig können risikobereite Investoren, die sich auch von vorübergehenden Schwächephasen wie im Mai und Juni nicht weiter beeindrucken lassen, von vier wichtigen Assets der BRIC-Länder profitieren: dem stetig kräftigen Wirtschaftswachstum, dem günstigen demografischen Trend mit hohen Geburtenzahlen und einem überdurchschnittlichen Anteil junger Menschen, dem Rohstoffreichtum sowie den Wettbewerbsvorteilen aufgrund niedriger Lohn- und Sozialkosten. Das alles beflügelt die Unternehmensgewinne und zwangsläufig auch die Aktienmärkte in den vier Ländern.

Brasilien: reich an Rohstoffen

Das Land am Amazonas gilt als einer der größten Globalisierungsgewinner und ist Weltmarktführer bei Rohstoffen und Agrargütern. Die Brasilianer sind weltweit der größte Exporteur von Eisenerz und Rindfleisch; beim Export von Soja stehen sie an zweiter Stelle. In der globalen Produzentenrangliste wichtiger Agrargüter liegt das Land unangefochten an erster Stelle bei Zucker, Kaffee, Hühnerfleisch und Orangensaft. Rohstoffe, die in den asiatischen Ländern, speziell in China und Indien, auf eine enorme und weiter wachsende Nachfrage treffen. Zum einen weil die dortige Infrastruktur allmählich an westliche Standards herangeführt werden soll. Zum anderen, weil im statistischen Schnitt wachsende Einkommen nicht nur für zusätzlichen und teureren Konsum sorgen, sondern auch die Ernährungsgewohnheiten veredeln.

Indien: aufstrebende Software-Industrie

Noch steht das Land in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig im Schatten seines großen Verwandten, der Volksrepublik China. Wohl zu Unrecht. Denn auch der Subkontinent birgt eine fast faszinierende Wachstumsstory mit außergewöhnlichem Potenzial. Die aufgrund der jungen demografischen Struktur stark steigende Konsumbereitschaft im zweitbevölkerungsreichsten Land treibt die Binnenwirtschaft. Die Jungen, Jüngsten und Jüngeren sind eindeutig in der Mehrheit, die Älteren hingegen unterrepräsentiert. Das schafft reale Kaufkraft und emotionale Kaufbereitschaft.

Zudem gilt auch der Hindu-Staat aufgrund seiner außergewöhnlich niedrigen Lohnkosten als verlängerte Werkbank der westlichen Industrienationen. Mittlerweile werden gut 50 Prozent aller neuen Computerprogramme dort entwickelt, etwa Microsoft, Hewlett Packard, IBM und seit einiger Zeit auch SAP – das Who’s who der weltweiten IT-Branche – haben in den vergangenen Jahren zigtausende Arbeitsplätze geschaffen. Schon lange zählt das Land zu den Weltmarktführern bei der Herstellung von Nachahmer-Medikamenten, den so genannten Generika. Zwei der weltweit Branchengrößten, nämlich Ranbaxy und Dr. Reddy’s, die in den vergangenen Monaten Unternehmen im Gegenwert von mehreren Milliarden Euro übernommen haben, kommen aus Indien.

Russland: Gas- und Ölreichtum

Sobald es um die derzeit noch wichtigsten Energieträger geht, nämlich Öl und Gas, ist das Riesenreich die Schatzkammer der Welt schlechthin. Im März beliefen sich die Ölreserven des Bären-Staats auf rund 55 Milliarden Barrel, die Gasvorkommen auf knapp 170 Milliarden Barrel. Zum Vergleich: Die weltweit größten Energieförderer Exxon Mobil, Royal Dutch, BP und Total Fina haben nur einen Bruchteil dessen.

Zugleich aber ist die Marktkapitalisierung an der Aktienbörse Moskau vergleichsweise niedrig. Sämtliche dort notierten Unternehmen bringen es gerade einmal auf einen Wert von rund 250 Milliarden US-Dollar. Allein Exxon Mobil kann fast 400 Milliarden Dollar in die Waagschale werfen. Der Börsenwert auf der einen und die Gas- sowie Ölreserven auf der anderen Seite stehen offenbar in einem krassen Missverhältnis zueinander, so dass erfahrene Investoren daraus langfristig überdurchschnittliche Gewinnchancen ableiten.

China: Manufaktur zu Billigpreisen

Die Partei- und Staatsführung hat ihre rund 1,3 Milliarden Mitgenossen auf den langen Marsch zur Industrialisierung geschickt. Kraftwerke werden gebaut, ebenso Autobahnen, Wohnungen, Gewerbe- und Büroimmobilien, Stahl- und Autowerke. Zudem gilt die Volksrepublik, ähnlich wie die indischen Nachbarn, als verlängerte Werkbank der Industrienationen. Kaum verwunderlich, sind doch die Stundenlöhne dort im Schnitt 40-mal niedriger als etwa in Deutschland. Konkurrenzlos günstig und nicht zu unterbieten, selbst wenn – wie in der jüngsten Vergangenheit – die Einkommen der chinesischen Werktätigen spürbar angehoben werden, die chinesische Währung Renminbi etwa gegenüber dem Dollar aufwertet und Textilimporte aus China mit Strafzöllen belegt werden. Unter dem Strich wachsen Einkommensdichte und Einkommensniveau in der Volksrepublik dynamisch. Deshalb hat die chinesische Binnenwirtschaft, also der Konsum, eine immer größere Bedeutung – auch im Luxusbereich.

Allein die schweizerische Luxusuhren-Industrie hat im Jahr 2005 ihren Umsatz in Asien, hauptsächlich in China, um rund 40 Prozent steigern können.

Was und wie gut China zu leisten fähig ist, wird sich indes bereits in zwei Jahren zeigen – während der Olympischen Spiele 2008. Für die Volksrepublik ein Prestigeprojekt, für die westliche Welt eine gute Gelegenheit, ökonomische und gesellschaftliche Fortschritte, hoffentlich ungefiltert und nicht retuschiert, zu beobachten.

Das Kürzel BRIC ist dann doch recht eingängig. Firmennamen allerdings oft eher nicht. Haben viele schon einmal von den russischen Energie- und Rohstoffkonzernen Lukoil, Gazprom oder Norilsk Nickel gehört, wird’s bei Brasiliens Exoten wie Cia, Vale Do Rio oder Aracruz Celulose schon etwas heikler. Cosco, CNOOC oder Huaneng Power klingt da, wenn nicht nach Reisfeld, dann schon nach China. Indes werden wohl die wenigsten Europäer auf Anhieb darauf kommen, dass Satyam oder Tata potente indische Firmen sind – langfristig außergewöhnliche Gewinnchancen inklusive. Doch auch kurzfristige Risiken. Das einzig vernünftige Instrument sind erstklassige Aktienfonds, die ausschließlich oder überwiegend in jenen Schwellenländern investieren. Durch die breite Streuung werden die Risiken weitgehend auf ein akzeptables Niveau verringert.

Zugleich nutzen Anleger die in den nächsten Jahren außergewöhnlich guten Gewinnchancen. Diese resultieren aus der wirtschaftlichen Aufholjagd Chinas und Indiens einerseits sowie aus dem Rohstoffreichtum Brasiliens und Russlands.

FORUM, Juli 2006


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